Generationenkonflikt: Berufswahl

Vor etwa 10 Jahren durfte ich eine sehr interessante Unterhaltung mit meiner Oma führen. Es ging darum, warum eine Frau überhaupt eine Ausbildung brauche, in meinem Fall auch noch ein Studium. So würde ich doch ohnehin bald Kinder bekommen und dann zuhause bleiben, für meinen Mann den Haushalt erledigen und mich nachmittags mit den anderen Müttern auf dem Spielplatz treffen. Die Entscheidung für ein solches Leben war in ihrer eigenen Generation absolut klar. Meine Oma wurde in den 1920ern geboren, der sogenannten "Silent Generation", die durch Finanzkrise und Krieg geprägt wurde und dadurch ein sehr starkes Bedürfnis nach Sicherheit hat. Es gab für sie selbst auch wenig andere Möglichkeiten, als die der Hausfrau, vor allem in der damaligen Mittelschicht. Natürlich wollte ich das in diesem Gespräch trotzdem nicht so stehen lassen. Ich - Anfang 20 - wild und mit einem leicht überhöhten Freiheitsdrang, stand meiner konservativen Großmutter gegenüber, die mir damals wenig Verständnis entgegenbringen konnte. "Du willst doch deinen Eltern nicht länger auf der Tasche liegen, oder?" Etwas "Ordentliches" zu lernen und dann möglichst bald zu heiraten, das sei das Ziel einer jeden jungen Frau.

 

Die Generation, in der ich geboren wurde, schimpft sich Generation Y, kurz: Gen Y. Unabhängig davon, wie oft dieser Begriff kritisiert wurde, hat die Generation, die zwischen 1980 und 1999 geboren wurde und den Begriff prägte eines gemeinsam: Sie mussten (zumindest in Deutschland) nie mit Krieg, Hungersnöten und Naturkatastrophen kämpfen. Da Entscheidungen nun also nicht mehr aus Grundbedürfnissen heraus getroffen werden müssen, kommt es zwangsweise zu Entscheidungsschwierigkeiten. Studiere ich oder mache ich eine Ausbildung? Gehe ich an eine Universität oder an eine Fachhochschule? Gehe ich ins Ausland? Möchte ich die klassische Familienplanung oder ist mir eine moderne Form der Partnerschaft lieber? Ernähre ich mich eher nach dem Paleo-Prinzip oder doch vegan? Wer schon mal in armen Ländern war oder einen Krieg selbst miterleben musste weiß, dass dort jegliche Bildung ein Geschenk ist, man die Familie und den Zusammenhalt zum Überleben braucht und es wichtig ist, überhaupt irgendetwas zum Essen zu haben.

 

Nun könnten die "Gen Y's" sich absolut glücklich fühlen, dass Ihnen all diese Möglichkeiten offen stehen und sie sich "nur" entscheiden brauchen. Und genau hier liegt das Problem: Entscheidungen treffen. Genau das fällt dieser Generation so wahnsinnig schwer. Man nennt sie daher auch "Generation beziehungsunfähig", da auch hier Entscheidungen für genau eine Person und für ein ganzes Leben (ja, das ist ganz schön lang...) sehr ungern getroffen werden. Man möchte sich eine Hintertüre offen lassen und weiterhin die Möglichkeit haben, sich doch nochmal umzuentscheiden. Genau das Gleiche gilt für die Berufswahl. Wohingegen die Generation unserer Großeltern und Eltern viel Wert auf Sicherheit des Arbeitsplatzes, ein möglichst langes Arbeitsverhältnis und ein stabiles, gutes Gehalt legte, ist der Generation der heutigen Berufseinsteiger und jungen Mitarbeiter (bis zu einem Alter von 36 Jahren), vor allem die Selbstverwirklichung wichtig. Dieses Wort wird so oft wie nie zuvor genutzt und die wenigsten wissen tatsächlich, was es für sie selbst bedeutet, sich zu "verwirklichen".

 

Unternehmen müssen nachziehen, ein offener, kooperativer Führungsstil ist gefragt, Mitspracherecht für Mitarbeiter, wenn möglich eine familiäre Kultur - nicht selten duzt man sich auch über Hierarchien hinweg. Um einen solch entscheidungsunfreudigen Mitarbeiter langfristig zu halten, lassen sich Unternehmen immer mehr einfallen. Vom kollegialen Biergarten-Abend, bis hin zu hochwertigen Schulungen und Förderprogrammen für künftige Führungskräfte, gibt es allerlei Extras, die speziell auf die Zufriedenheit und das Erhalten der Leistungsbereitschaft dieser Generation zielen. Denn eigentlich möchten wir ja auch ankommen, uns wohlfühlen und Sicherheit haben, nur sind diese Ziele bei uns meist nicht mehr an erster Stelle.

 

Letztens, eben genau 10 Jahre später, unterhielt ich mich wieder mit meiner Oma über meinen bisherigen beruflichen Weg. Inzwischen habe ich mein Betriebswirtschaftsstudium abgeschlossen und einige Jahre Berufserfahrung gesammelt. Meine Oma findet das ziemlich toll und erzählt immer stolz ihren Damen beim Kaffeekränzchen, dass ich ja "irgendsowas mit Buchhaltung" studiert habe und nun richtig erfolgreich sei. Sie hätte früher auch gerne so selbstbestimmt leben wollen, ohne die Abhängigkeit des Einkommens von meinem Großvater. Ich bin sehr dankbar und froh, dass wir inzwischen - vor allem auch Frauen - solche Möglichkeiten haben. Stellenweise beneide ich meine Oma allerdings, z. B. wenn ich aus ethischen Gründen auf das leckere Schnitzel verzichte, das sie gebraten hat oder wenn ich mir wieder einmal überlege, ob meine aktuelle Lebensform langfristig die richtig für mich ist. Vielleicht wäre Yoga-Lehrerin in Indien ja doch die bessere Wahl. ;-)